Buchtipp - Fritz Roth, Sabine Bode: Trauer ist Liebe

Der Trauer eine Heimat geben. Den Tod sinnlich und real wahrnehmen. Trauernde mit ihren Ängsten an die Hand nehmen.
Fritz Roths Grundlage für die Arbeit ist: Man kann den Toten kaum mehr etwas Gutes tun, außer den Körper menschenwürdig zu bestatten. Vielmehr muss der Trauernde im Mittelpunkt der Bemühungen stehen. Hinterbliebene brauchen Geborgenheit und wollen akzeptiert werden, um Ruhe für einen konstruktiven Trauerprozess zu finden.
In der Bestatterbranche gilt der ungewöhnliche Seiteneinsteiger Fritz Roth noch als – inzwischen allerdings prominenter – Außenseiter. Nicht der Tote steht im Zentrum seiner Bemühungen – es sind die Hinterbliebenen, denen er einen hilfreichen Abschied vom Verstorbenen ermöglichen will. Sie sollen den Tod sinnlich, emotional und real wahrnehmen – durch einen engen Kontakt mit dem Toten. In seiner Trauerakademie arbeitet Fritz Roth an der Realisierung seiner Visionen.

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In fünf Kapiteln werden unterschiedliche Schicksale dargestellt:
(vgl. dazu auch die Besprechung der Hörbuch-Version:)
Hörbuch

Im ersten Kapitel geht es um ein immer noch speziell tabuisiertes Thema: Den Suizid.
Es ist die Geschichte von Maria und Johannes, zweier Menschen im mittleren Alter, die nach gescheiterten Beziehungen zueinander fanden. Doch Johannes war depressiv und nahm sich das Leben. Trotz der Versehrtheit des toten Körpers wurde Maria Mut gemacht, Abschied zu nehmen. Dadurch wurde ihr das Abschiednehmen erleichtert. Und ihr wurde im Laufe der Zeit klar, dass sie Johannes nicht halten konnte. Gleichzeitig machte sie sich - und ihm – Vorwürfe: „Wenn er mich wirklich geliebt hätte, dann hätte er mich nicht verlassen.“
Besonders belastend für Maria war die quälende Frage „Warum?“. Erst nach einem Seminar bei der Suizid-Expertin Chris Paul - eineinhalb Jahre nach dem Tod ihres Mannes – lernte sie, dass der Suizid von Johannes nicht erklärbar war. Und sie hat gelernt, damit zu leben.

Im zweiten Kapitel behandelt das besonders schwierige Thema „Tod eines Kindes“. Das Eingangszitat sagt bereits alles: “Die Trauer der Eltern kann grenzenlos sein: Ihnen ist, als würde ihre Zukunft versinken.“ Geschildert wird die Geschichte eines Paares, das lange Zeit Glück im Leben hatte und dessen Beziehung getrübt wurde durch einen unerfüllten Kinderwunsch. Nach einer Hormontherapie kam es zur Drillingsschwangerschaft – jedoch überlebten die Kindern nicht: Alle drei Söhne starben kurz nach der Geburt. Den beiden Eltern hat der sorgende Umgang mit Ihnen im Krankenhaus sehr geholfen – sie hatten die ganze Nacht nach der Geburt Zeit, Abschied zu nehmen. Geschockt waren sie dann aber vom gleichgültigen Verhalten einiger Mitarbeiter der Klinikums, für die das Ganze nur ein bürokratischer Vorgang war. Beide zogen sich zurück, nur die engsten Vertrauten durften kommen. Erst nach einigen Tagen kamen die Freunde, um ihnen in der Trauer beizustehen.
Der Sarg – ein Körbchen – machten die Eltern selbst. Bei der Beerdigung waren sie dann ganz allein, ohne Familie und Verwandte. Dies wurde von allen akzeptiert. Das Grab wurde vom Vater geschlossen, ganz allein, ohne Friedhofsarbeiter. Wichtig und hilfreich für beide war die Tatsache, Ruhe zu haben für die eigene Trauerarbeit – sowohl am Arbeitsplatz als auch in der Familie. Auch die Erfahrungen in einer Selbsthilfegruppe waren hilfreich.
Nach der langen Zeit der Trauer verspürten beiden wieder den Wunsch nach einem Kind und begannen wiederholt mit einer medizinischen Behandlung. Caroline wurde erneut schwanger und brachte einen gesunden Sohn zur Welt. Nach Jahren wurde Caroline dann erneut – spontan – schwanger und wird ein Mädchen zur Welt bringen.

Das dritte Kapitel widmet sich ebenfalls dem Thema „Verwaiste Eltern“. Es geht um Jan, der an Krebs erkrankte, einen zweijährigen Kampf mit der Krankheit führte – und schließlich verlor. Beschrieben wird die schwere Zeit eines über zwei Jahre dauernden Leidensweges, denn die Diagnose ist niederschmetternd: Leberkrebs. Doch verstecken wollte sich Jan nie. Er ging lieber in die Offensive. Anders als erwartet wurde die Familie von allen Seiten tatkräftig unterstützt. In der Grundschule fühlte sich Jan geborgen und verstanden; in der Oberschule sah er sich jedoch Anfeindungen und Unverständnis ausgesetzt - ein Schulwechsel wurde nötig. Jans Gesundheitszustand verschlechterte sich zunehmendst und er starb in den Armen seiner Mutter. Das Begräbnis war ein Ereignis mit mehreren hundert Trauergästen. Die Eltern waren dankbar, dass ihnen eine erfahrene Bestatterin zur Seite stand und sie die Möglichkeit bekamen, über mehrere Tage am offenen Sarg Abschied zu nehmen. Sogar die Freunde kamen und malten den Sarg an. Diese Zeit des Abschieds, die eine wichtige Basis für die Trauerarbeit darstellt, war für die Eltern überaus hilfreich.

Das vierte Kapitel beginnt mit dem Zitat „Es ist besser zu brennen, als zu rosten“ und mit der Beschreibung einer Todesanzeige, die von einer Frau noch zu Lebzeiten gestaltet wurde.
Es ist die Geschichte einer Frau namens Barbara, in den Vierzigern, Galeristin mit handwerklichem Geschick, die an Krebs erkrankt und nur noch ein Lebensziel hat: Die Vollendung der Sanierung eines Altbaus. Als dann das Traumhaus fertig war, starb die Frau. Walter, ihr Ehemann, ein Universitätsprofessor, erzählt von einer anfangs schwierigen, aber immer intensiver werdenden Beziehung. Als klar war, dass seine Frau nicht mehr lange zu leben hat, steigert sich diese Intensität nochmals. Die Radikalität und Klarheit der beiden erstaunt und imponiert zugleich: Der Besuch eines Bestatters zur Klärung der Trauerfeierlichkeiten, die Auflösung ihrer Galerie, die Besichtigung mehrer Hospize – das alles zeugt von einem starken Willen und Charakter. Besonders wichtig war Barbara die „Beziehungsklärung“ – eine nicht einfache Aufgabe. Im Kampf gegen den Krebs nahm man auch Kontakt zu „Dignitas“ auf, einer Organisation, die für den legalen Suizid eintritt und diesen in der Schweiz durchführt.
Die letzten Wochen wurden mit Hilfe schmerzstillender Mittel so gut es ging gelebt, der Aktionsradius schränkte sich dabei aber weiter ein. Der Rückzug von der Familie und Freunden sollte sich am Ende als Fehler erweisen: Walter stand alleine da, ohne hinreichende Unterstützung. Der nahe Tod stellte alle ein letztes Mal auf die Probe - und einige bestanden die Prüfung nicht. Walter führte auch die letzte Handlung an seiner verstorbenen Frau aus: Er schob den eigenhändig in den Ofen des Krematoriums (allerdings war dies nicht in Deutschland!). Die Zeit nach Barbaras Tod war schwierig – Walter musste sich und sein Umfeld wieder aufbauen, sich und seine Kontakte pflegen. „Loslassen“ wollte er aber nie. Dafür ist Barbara zu präsent und wird es wohl auch bleiben.

Im letzten Kapitel geht es um den Tod einer 95-jährigen Mutter und wie ihr die fünf Geschwister dabei halfen. Denn es ist keineswegs so, dass ein Tod aus Altersschwäche ein angenehmer Tod ist. Geschildert wird die Lebensgeschichte einer Frau, die zwei Weltkriege miterlebt hat, neun Kinder zur Welt brachte (von denen fünf überlebten) und bis zum Schluss aktiv war. Außergewöhnlich (zumindest für unsere heutige Zeit): Kurz nach der Goldenen Hochzeit luden die alten Eltern ihre fünf Kinder zu einem Gespräch über Sterben und Tod ein. Sie besprachen die Aufteilung des Besitzes und wo und wie sie ihre letzten Tage verleben wollten – nämlich zu Hause. Franziska Büsch verstarb und wurde acht (!) Tage lang zu Hause aufgebahrt. Somit hatten alle Familienmitglieder, Freunde und Nachbarn Gelegenheit, Abschied zu nehmen. Die Tage der Aufbahrung wurden genutzt, um wichtige Dinge zu klären. Bei der Trauerfeier hielt der Sohn die Trauerrede und ein Enkel die Fürbitte.  Es war für alle ein schönes Fest, dass allen in Erinnerung bleiben wird.
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Seine überzeugenden Plädoyers für einen anderen Umgang mit Tod und Trauer und die ergänzenden Beispiele von konkreten Fällen sind tröstlich und ermutigend.
Ein anregendes Buch.

Fritz Roth, Sabine Bode
Trauer ist Liebe
1. Auflage 2006
159 S. mit zahlr. farb. Fotos Klappenbr.
Format: 16,0 cm x 23,5 cm
EUR 16,95 [D] / EUR 17,50 [A] / SFr 30,90
ISBN 978-3-579-06814-5 / 3-579-06814-8

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